Kleine Schwester der East-Side-Gallery entstand in Forst

Zu einer großen Freiluft-Galerie wurde am vergangenen Wochenende das Areal rund um das Park 7. Zum vierten Mal fand das „Paint the Park Jam“ statt, ein Treffen von Graffiti-Sprayern aus ganz Deutschland. Es ging dabei nicht darum, wer das schönste Bild sprühe, sondern um das Miteinander und das gegenseitige Kennenlernen, wie Organisator Sebastian Reichert verrät. „Wir machen auch keine Vorgaben, was gesprüht werden soll, jeder Künstler hat hier seine kreative Freiheit“.

Über eine eigens für dieses Festival eingerichtete Facebookseite konnten sich die Graffitikünstler anmelden. Etwa 50 Sprayer machten sich auf den Weg nach Forst, darunter aus Berlin, Cottbus, Dresden, Leipzig oder Bielefeld und Münster. Alle fanden hier ideale Voraussetzungen. Auf mehreren Wandflächen im Innenhof des Park 7 sowie entlang der Parkstraße durfte gesprüht, gekleckst oder gespritzt werden. Für Sebastian Reichert steckt dahinter ein Konzept: „Wir machen gleichzeitig auch ein wenig Prävention und geben den Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Graffiti auf legale Flächen zu zeichnen!“
Behördliche Auflagen gebe es keine, erklärt Sebastian Reichert dankbar. Die fertigen Kunstwerke würden eine Zeit lang für alle Passanten zu sehen sein und mit ihren vielen bunten Farben zusätzlich das Stadtbild bereichern, was auch so von den Gebäudeeigentümern gewünscht sei. Zudem gebe es von den Stadtwerken Forst als Sponsor sowie der Stadt Forst eine finanzielle Unterstützung für die Organisatoren, um damit Farbdosen, Wandfarbe oder Getränke zur Verfügung stellen zu können.

Für viele Teilnehmer steht die Abstraktion im Vordergrund, man möchte künstlerische Regeln brechen. Eine typische Regel beschreibt einen Schriftzug mit einem sauberen Hintergrund. In Forst sind allerdings auch Bilder zu entdecken, die sich erst auf dem zweiten oder dritten Blick dem Betrachter erschließen. Was zunächst wie ein wirres Drauf-Los-Sprühen aussieht, entpuppt sich so nach und nach als „Grundgerüst“ für das spätere Endprodukt. Die meisten Sprayer rechnen mit mehreren Stunden, ehe ihr Bild fertig gesprüht ist. Es ist zudem kein ganz billiges Hobby – viel Geld geht für die Sprühdosen drauf. Auf etwa 400 Euro beziffern einige der Teilnehmer ihre Kosten für ein Bild.

Johannes, Dirk und Andrè alias „ARDH-Heads“ kommen aus Cottbus und sind mittlerweile Auftragsmaler, das heißt, sie haben die Graffiti-Malerei zum Beruf gemacht. Warum sie nach Forst gekommen sind? „Die Cottbuser Graffiti-Szene ist mittlerweile eingeschlafen, dadurch sind solche Veranstaltungen wie hier in Forst interessant geworden, weil man sich mit anderen Künstlern austauschen kann.“, verrät Dirk. Wie alle anderen Teilnehmer auch kämpft er mit den Vorurteilen in der Bevölkerung: „Wenn ich eine öffentliche Wandfläche mit einem Roller oder der Malerbürste bearbeite, ist das für die meisten Menschen in Ordnung. Aber wehe, ich habe nur eine Sprühdose in der Hand, dann wird man gleich misstrauisch beäugt“. Mehr Respekt und Toleranz wünschen sich die Sprayer: „Schön wären mehr regionale Unterstützer, die uns legale Flächen für unsere Leidenschaft zur Verfügung stellen oder uns hin und wieder mit Farbutensilien ausstatten würden!“, so Dirk. Namhafte und weltweit tätige Auftragsmaler würden inzwischen von den großen Marken der Farbindustrie gesponsert.

Apropos Legalität: alle der hier teilnehmenden Künstler lehnen mittlerweile die illegalen Schmierereien auf Häuserwänden ab. „Man sollte aber nicht so naiv sein zu glauben, dass wir alle sofort auf legalen Flächen gesprüht haben. Fast jeder von uns hat irgendwann mal mit einer illegal besprühten Hauswand angefangen.“, verrät ein Teilnehmer. Das liegt aber auch an viel zu wenig legalen Flächen, auf denen sich die Kinder und Jugendlichen ausprobieren können. Das Einstiegsalter in die Szene beginnt bei etwa 14 Jahren. Auch deshalb seien solche Veranstaltungen wie das „Paint the Park Jam“ sehr willkommen, weil man hier unter Gleichgesinnten seiner Kreativität freien Lauf lassen kann, ohne das Gefühl zu haben, etwas Verbotenes zu tun.

Stephanie Laebe ist das einzige Mädchen unter den vielen Sprayern und noch dazu die Jüngste von allen. Die Fünfzehnjährige stammt aus Österreich und macht derzeit in Forst Urlaub bei ihrer Oma. „Ich habe in der Zeitung die Vorankündigung gelesen und bin ganz spontan hierher gekommen.“ Als Künstlerin bezeichnet sich Stephanie nicht, sie versuche sich stattdessen erst mal mit Graffiti-Malerei. Während ihre männlichen Kollegen die Bilder aus dem Gedächtnis malen oder als Vorlage im Handy eingespeichert haben, hat sich Stephanie noch ganz klassisch vorbereitet. Sie kramt aus ihrer Hosentasche einen kleinen Zettel, auf dem das Motiv, das hinter ihr im Großformat an der Wand prangt, schön vorgezeichnet ist. Das Bild mit dem „Fast and Furious“-Schriftzug nach dem gleichnamigen Kinofilm hat sie in knapp 30 Minuten fertiggestellt. Jetzt schaut sie den anderen Sprayern über die Schulter und beobachtet das emsige Treiben auf dem Park 7-Gelände. „Vielleicht komme ich ja im nächsten Jahr wieder und male dann ein neues Bild“, blickt Stephanie schon mal ein wenig in die Zukunft.

Wiederkommen werden sicherlich auch die anderen Teilnehmer, so wie Marcus aus Bielefeld, der schon im vorigen Jahr dabei war und mit Sebastian Reichert befreundet ist. In diesem Jahr hat sich Marcus ein ganz besonderes Motiv ausgesucht: „Vor einigen Jahren haben polnische Sprayer einen Stier auf diese Wand gemalt. Was liegt also näher, als an gleicher Stelle einen neuen Stier entstehen zu lassen?“

Egal ob Stier, Schriftzug oder die Skyline einer Stadt – der Kreativität sind zumindest hier rings um das Park 7 keine Grenzen gesetzt, wie sich ab sofort Jeder selber überzeugen kann. Bis in die Abendstunden des Sonnabends waren die meisten Sprayer beschäftigt, um den Konturen ihrer Kunstwerke farbliche Inhalte zu geben. Selbst am Sonntagmorgen wurde noch fleißig gearbeitet.

Für Sebastian Reichert hat sich der ganze Aufwand gelohnt, die Nachfrage nach Flächen zum Besprühen war groß. Schon jetzt gibt es Überlegungen für eine Neuauflage im nächsten Jahr. Dann werden die meisten der jetzigen Kunstwerke zunächst mit Wandfarbe überstrichen, damit darauf neue Graffiti-Bilder entstehen können.

Urhebervermerk: alle hier abgebildeten Motive unterliegen den Urheberrechten der jeweiligen Künstler

Abbildung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der jeweiligen Künstler