Panzerkreuzer Potemkin auf dem Mühlgraben

Zum 51. Forster Geschichtsstammtisch lud der Museumsverein der Stadt Forst am internationalen „Tag des Wassers“ ins 1903 errichtete Wasserwerk in der Triebeler Straße ein.

Thomas Winkler, bei den Stadtwerken Forst verantwortlich für die Energie- und Wasserversorgung der Stadt, gab zunächst einen kurzen Einblick in die Historie der Wasseraufbereitung und das Leitungsnetz, welches sich unter Forst durchschlängelt. So gibt es eine direkte Leitung vom Wasserwerk zum ebenfalls 1903 erbauten Wasserturm. „Viele Rohrleitungen in der Stadt stammen noch aus der Zeit Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Trotz des Alters verläuft der Betrieb dieser Leitungen stabil und störungsfrei“, versichert Winkler. 168 km ist das Wassernetz lang und umfasst ein Gebiet von Klein Bademeusel im Süden bis Naundorf im Norden. Nach der Wende wurde auch die Gemeinde Simmersdorf-Groß Schacksdorf an das Forster Leitungsnetz angeschlossen. An die rund 5000 Hausanschlüsse werden zwischen 2000 und 3000 m³ Wasser pro Tag abgegeben. Zu DDR-Zeiten waren es noch 10.000 m³. Politisch gewollt ist eine maximale Abgabe von 7000 m³. „Wenn es nach mir ginge, wäre ich für eine Wasser-Flat-Rate, bei der die ersten 100 m³ pro Anschluss frei wären, was auch mehr Wasserverbrauch bedeuten könnte. Dann würden automatisch auch die Leitungen öfters gespült und würden sich nicht zusetzen.“, so Thomas Winkler.

Dr. Herbert Schulze und Dipl. Ingenieur Siegmar Tilgner, beide jahrelang in der Wasserwirtschaft tätig gewesen, widmeten sich in ihrem anschließenden Bilder-Vortrag jenen drei Gewässern, die von strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung für Forst sind. Da wäre zunächst der Lohmühlgraben, der im Stadtgebiet nur noch an ganz wenigen Stellen zu erahnen ist. Er wurde ausgetrocknet und zugeschüttet. „Es wird vermutet“, so der studierte Wasserbauer Tilgner, „dass der Lohmühlgraben eine Art Wassergraben um das Alte Amt mit Wasser speiste.“ 1997 sorgte der Rückstau der damals hochwasserführenden Neiße für eine Vernässung der inzwischen verrohrten Reste des Lohmühlgrabens bis ins Gebäude des ehemaligen Kreisarchivs.

Ebenfalls nur noch erahnen lässt sich die „Schwarze Grube“. Wo heute zwischen Stadion und den Bahngleisen nach Polen ein Rodelberg steht, befand sich früher Sumpfgebiet. Gespeist wurde das Gelände über einen unterirdischen Graben, der aus Richtung „Keunesche Alpen“ Wasser führte. Der Zusammenhang ist auch heutzutage noch deutlich erkennbar, weil in der Ringstraße am Eingang zu den Keuneschen Alpen die Wiese immer feucht ist. Am Bahndamm der Strecke Forst – Weißwasser in Höhe Mehrzweckhalle befindet sich ebenfalls noch ein Durchlass der ungewöhnlichen Wasserverbindung.

Für die Forster Textilindustrie war der Mühlgraben von besonderer Bedeutung, lieferte er doch das Wasser für die Dampfmaschinen. Siegmar Tilgner erinnert sich an die eisigen Winter in den 70er Jahren, als der Mühlgraben zuzufrieren drohte. „Wir haben aus zwei Entkrautungsbooten ein neues Boot gebaut und nannten das unseren ‚Panzerkreuzer Potemkin‘. Mit langen Haken haben wir vom Boot aus das Eis gebrochen. Manchmal mussten wir auch das Eis im Mühlgraben aufsprengen.“

Die Neiße machte stattdessen immer wieder mit ihren Hochwassern Sorgen. Den jemals höchsten gemessenen Stand gab es im August 1897, als das Wasser über den Deich bis ins Stadtzentrum schwappte. „Wie hoch der Neiße-Pegel damals genau war, lässt sich nicht mehr ermitteln, da damals andere Berechnungsnormen zur Messung dienten.“, so Siegmar Tilgner auf Nachfrage.

Nicht nur reine Fakten, sondern auch viel Informatives rechts und links der Neiße gab es für die zahlreich erschienenen Besucher zu erfahren. Das „Brückenmännchen“, welches bis vor ein paar Jahren auf einem Pfeiler der Langen Brücke thronte, war nicht nur ein optischer Hingucker. Der Architekt gab der Figur auch einen praktischen Nutzen. „Das Brückenmännchen war auch als Messpegel für die Neiße gedacht. Wenn bei Hochwasser die Füße des Männchens im Wasser standen, bedeutete dies gleichzeitig, dass Forst absäuft.“, sagte Tilgner scherzhaft.

Weil die Wasserwirtschaft bei Hochwasser selten zu Scherzen aufgelegt ist, wurde nach dem Sommerhochwasser 1981 die Deichanlage von Bad Muskau bis zur Odermündung in Ratzdorf immer etappenweise komplett saniert. Bis auf kleinere Sickerstellen verrichtet der Neißedeich seitdem zuverlässig seine Dienste in Sachen Hochwasserschutz.

Viele kleine kleinen Anekdoten aus dem Berufsleben der Redner bereicherten den Vortrag. So erfuhren die Zuhörer etwas von einem „Schwarzbau“ am Reisigwehr oder wie mit Eisenbahnwaggons vergebens versucht wurde, beim Hochwasser 1958 einen Deichbruch in Briesnig zu schließen.
Im Maschinenhaus des Wasserwerkes gestalteten die Wasserwerker als Gastgeber des Abends eine kleine Ausstellung, die sich mehr mit der Geschichte des Hauses befasst.

Der nächste Geschichtsstammtisch führt am 26. April nach Groß Schacksdorf, dann gibt es in der ehemaligen alten Schule viel zur Historie des Ortes zu erfahren.

Vorbereitungen für 125 Jahre „Schwarze Jule“ laufen an

Nachdem in den vergangenen Jahren die Deutsche Rosenschau oder das 750jährige Stadtjubiläum Akzente im Stadtleben setzen, wartet im nächsten Jahr auf die Forster und ihre Besucher das nächste Jubiläum, das gebührend gefeiert werden soll.

Am 8. Mai 1893 wurde der reguläre Betrieb der Forster Stadteisenbahn, im Volksmund „Schwarze Jule“ genannt, aufgenommen. Bis zu ihrer Stilllegung 1965 prägten die Loks sowie die Waggons, die auf Rollböcken durch die Stadt gezogen wurden, das Bild unserer Stadt. Noch heute sorgen die Schienenreste im Stadtgebiet für fragende Blicke bei auswärtigen Besuchern und Durchreisenden.

Grund genug, den 125. Geburtstag der „Schwarzen Jule“ im nächsten Jahr ehrenvoll zu feiern. Aus diesem Anlass hat sich beim Museumsverein eine Arbeitsgruppe gebildet, die die Aktivitäten bündeln und die Feierlichkeiten vorbereiten soll. „Unser Ziel ist es zunächst, alles verfügbare Material über die ‚Jule“ zu recherchieren und aufzuarbeiten, um daraus später die Geschichte der ‚Jule“ komplett zu dokumentieren.“, verrät Uwe Zeihser, der die Leitung der Arbeitsgruppe übernommen hat.
In diversen Archiven wird nach Bild- und Textmaterial über die Forster Stadteisenbahn gesucht, alte Bau- und Streckenpläne sollen die Betriebsführung der Bahn für den interessierten Besucher sichtbar machen. Auch auf Material, dass sich im Besitz von Historikern und Sammlern befindet, soll leihweise zugegriffen werden.

In einer zweiten Etappe der Vorbereitung soll eine Art Zeitstrahl erarbeitet werden, der chronologisch die Entwicklung des Fuhrparks, die Abläufe auf dem Stadtbahnhof sowie die ständige Ausdehnung des Streckennetzes zeigen soll. Fast jede Tuchfabrik im Stadtgebiet war an das Netz der Stadteisenbahn angeschlossen, um mit Kohle beliefert werden zu können oder die fertigen Stoffe ausliefern zu können.

Bereits jetzt gibt es erste Ideen, in welcher Form die vielen Materialien präsentiert werden sollen. „Spannend finden wir die Überlegung, historisches Filmmaterial mit Bildmaterial aus der Gegenwart zu überblenden. So bekommt der Betrachter des Filmes einen faszinierenden Eindruck, wie es wäre, wenn die ‚Jule‘ heute noch durch die Stadt fahren würde!“, schwärmt Uwe Zeihser. Erste Filmsequenzen, wie es aussehen könnte, sorgten bei den Mitgliedern der Arbeitsgruppe für Begeisterung und ungläubiges Staunen.
Allerdings sind bis zur endgültigen Fertigstellung des Films noch viele Details zu klären. Neben Klärung der Urheber- und Nutzungsrechte an dem Material ist es auch erforderlich, die ehemaligen Schienenstränge noch einmal komplett abzufahren und den heutigen Zustand zu filmen.

Auch die Forster können sich in die Vorbereitung der Festlichkeiten anlässlich der „125 Jahre Schwarze Jule“ einbringen. „Wir haben schon viel Material gesammelt, allerdings mangelt es an Bewegtbildern, die die ‚Jule‘ in Aktion zeigen. Hier bauen wir auf die Mithilfe der Forster: vielleicht hat ja jemand mit seiner Schmalfilmkamera Bildmaterial von der ‚Jule‘ aufgezeichnet, dass er uns leihweise zur Verfügung stellen könnte?“, wünscht sich Uwe Zeihser. Auch andere Exponate und Fotos, die sich im Privatbesitz befinden, werden noch gesucht. Wer also beim Aufräumen oder auf seinem Dachboden noch altes Material findet, dass mit der „Schwarzen Jule“ zu tun hat, kann sich gerne im Textilmuseum melden und seine Schätze leihweise zur Verfügung stellen.

Die Arbeitsgruppe trifft sich einmal im Monat und plant die jeweils nächsten Schritte. Eine der dringendsten Aufgaben ist u.a. die Sichtung und Vorauswahl des bereits vorhandenen Materials. Ebenfalls geplant sind Zeitzeugeninterviews sowie die Klärung offener Fragen, die beim Studium der Archivmaterialien aufgetreten sind.

Im Mai 2018 ist ein großes Festwochenende geplant, an dem der 125. Geburtstag der „Schwarzen Jule“ mit vielen Überraschungen zünftig gefeiert werden soll. Dann sollen auch der Öffentlichkeit die Dokumentation und – wenn bis dahin alles geklappt hat – der Film zur Geschichte der Forster Stadteisenbahn präsentiert werden.