Der „Floh vom Fichtelberg“ landete in Forst

Zur 24. Ausgabe seiner beliebten Reihe „Talk im Pavillon“ konnte Moderator Lutz Hoff am vergangenen Freitag den mehrfachen Olympiasieger und Weltmeister Jens Weißflog begrüßen. Und weil die Kartennachfrage so groß war, gab es jeweils eine Gesprächsrunde am Nachmittag und am Abend.

Noch immer schlank und rank wie zu seinen besten Wettkampfzeiten und gut gelaunt plauderte Jens Weißflog über seine Anfänge als Skispringer, über Siege und bittere Niederlagen und kleine Anekdoten aus seinem Leben. So habe er nach seinem Karriereende kaum abtrainieren müssen: „Immer, wenn mein Körper nach Belastung gerufen hat, bin ich im Winter vor das Haus gegangen und habe Schnee geschippt!“.

Schon als 6jähriger unternahm der in Plöha im Erzgebirge aufgewachsene Steppke seine ersten Sprungversuche, damals auf einer 20-Meter-Schanze. Sein Talent und seine körperlichen Voraussetzungen zeigten recht schnell, wohin der Weg gehen sollte. „Ich wäre angesichts meiner Größe ein schlechter Basketballer geworden“, scherzte Jens Weißflog. Seine Trainer wollten eigentlich aus ihm einen Nordischen Kombinierer machen, doch dem kleinen Jens war das Ski-Laufen zu anstrengend.

Mit 15 Jahren durfte er erstmals bei der DDR-Nationalmannschaft mittrainieren, mit 16 nahm er zum ersten Mal an der Vierschanzentournee teil. Es wurden junge Sportler benötigt, denn die „alten Hasen“ wurden bei den Olympischen Winterspielen 1980 „nur“ Zweite, was den DDR-Sportfunktionären gar nicht passte.

Überhaupt hatte Jens Weißflog so seine Erfahrungen mit der DDR-Sportführung in Person von Manfred Ewald gemacht. Nach seinem ersten Olympiasieg 1984 in Sarajevo durfte Jens Weißflog sehr medienwirksam gemeinsam mit Katarina Witt bei der Rückkehr der Olympiamannschaft als Erster wieder deutschen Boden betreten. Vier Jahre später, nach verkorksten Olympiawettkämpfen mit mittelmäßigen Platzierungen, musste Jens Weißflog erfahren, dass frühere Erfolge nichts Wert sein können. Während Kati Witt wieder als Erste aus dem Flugzeug stieg, kam Jens Weißflog kaum beachtet als Letzter. „Niederlagen machen die Erfolge wertvoller!“, resümiert Weißflog im Nachhinein.

Mit der politischen Wende in der DDR stand der DDR-Sport plötzlich vor der Frage, wie es denn nun weiterginge. Während der Osten hochkomplex strukturiert war, war der Westen nur mittelmäßig erfolgreich. Weißflog musste sich neu organisieren. Dabei halfen ihm sein Name und seine bisherigen Erfolge. Franz Thoma, der Vater von Weißflogs damaligem westdeutschen Konkurrenten Dieter Thoma, vermittelte ihm einen gut dotierten Sponsorenvertrag. „Auf dem Pissoir im Hotel ‚Adler‘ in Hinterzarten stand Franz Thoma plötzlich neben mir und überraschte mich mit der Nachricht.“, amüsiert sich Jens Weißflog noch heute über die Begebenheit.

Die nächste Herausforderung sollte nicht lange auf sich warten lassen. Der V-Sprungstil setzte sich zunehmend durch. Weißflog, der einer der stilistisch besten Parallelspringer war, sprang plötzlich nur noch hinterher. Wollte er weiter in der Weltspitze mitspringen, musste auch er sich den neuen Gegebenheiten anpassen. Doch es funktionierte zunächst nicht. Das „V“ war immer nur ein halbes „V“, der linke Ski ließ sich einfach nicht nach außen stellen. „Eine reine Kopf-Frage“, wie Jens Weißflog verrät. Erst ein Zufall brachte ihn zurück in die Erfolgsspur. Bei Trainingssprüngen auf der Oberhofer Schanze am Kanzlersgrund sorgte die tief stehende, untergehende Abendsonne für kurze Zeit für den Effekt, dass die Springer während des Fluges ihren eigenen Schatten auf dem Sprunghügel sahen. So konnte Jens Weißflog noch in der Luft seine Haltung anhand seines Schattenbildes korrigieren.

Nach wiedermal erfolglosen Weltmeisterschaften 1993 bezeichnete die BILD-Zeitung die einst so erfolgreichen deutschen „Adler“ nur noch als „Brathühner“ – ein Vergleich, der weh tat. Weißflog wechselte das Material, probierte eine bis dahin völlig neue Ski-Bindung aus. „Ich hatte plötzlich ein komplett neues Fluggefühl, war fast unschlagbar und nahm den damals überragend springenden Österreichern mehrere Meter ab.“ Den Lohn gab es 1994, als Jens Weißflog erneut Olympiasieger, diesmal im V-Stil, wurde. Da machte sich Genugtuung breit gegenüber allen Kritikern, die ihn bereits abgeschrieben oder als „Brathuhn“ bezeichnet hatten.

Nach seinem Karriereende eröffnete Weißflog in Oberwiesenthal 1996 ein Hotel. Immer wieder kämen Touristen, die sich an den Fenstern die Nase platt drücken, sich allerdings angesichts des berühmten Namens nicht ins Haus trauen. Umso erstaunter sind die Besucher dann, wenn der Hausherr die Türen öffnet und die Gäste freundlich hineinbittet. Mit seiner Berühmtheit hat der „Floh vom Fichtelberg“, wie er zu seiner aktiven Zeit immer betitelt wurde, ohnehin keine Probleme. „Man muss dankbar sein, dass man 22 Jahre nach dem Karriereende immer noch in so guter Erinnerung bei den Menschen ist!“

Auch für Diana Sonntag, der Inhaberin des Pavillon „Genuss & Kunst“, in dem die Gespräche regelmäßig stattfinden, hat der Publikumsliebling lobende Worte parat: „Andere bieten nur Schnitzel an, Diana bietet Schnitzel mit Unterhaltung!“

Die Zuhörer im ausverkauften Pavillon lauschten aufmerksam den vielen kleinen Episoden, die Lutz Hoff seinem Gegenüber entlocken konnte. Noch mehr Geschichte(n) zu Jens Weißflog gibt es in einem gleichlautenden Buch, welches bei der anschließenden Autogrammstunde käuflich erworben werden konnte und von Jens Weißflog Gast signiert wurde.