MDR begibt sich in Forst auf „Zeitreise“

Das bevorstehende 125jährige Jubiläum der Forster Stadteisenbahn, im Volksmund liebevoll „Schwarze Jule“ genannt, stößt auch überregional auf großes Interesse. So war am vergangenen Dienstag der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) für sein Geschichtsmagazin „Zeitreise“ auf den Spuren der Schwarzen Jule in Forst unterwegs. Besondere Erinnerungsstücke sind in diesem Sendeformat Ausgangspunkt für einen Sprung in die Vergangenheit, die von der NS-Zeit über das Leben in der DDR bis in die Nachwendezeit reichen kann.

Auf die Forster Jule stieß eine MDR-Redakteurin eher durch Zufall. In einem Leipziger Spielzeugladen entdeckte sie ein Modell der Forster Bahn und kam mit dem Verkäufer darüber ins Gespräch. Als ehemaliger Forster erzählte er von der Einmaligkeit der hiesigen Stadteisenbahn. Damit war die Neugier bei der Redakteurin geweckt und sie forschte im Internet nach weiteren Informationen zur Bahn. Nach einigen Telefonaten mit sachkundigen Einwohnern der Stadt wurde die Idee geboren, mit der Jule für den MDR auf „Zeitreise“ zu gehen.

„Wir wollten herausfinden, welche Beziehungen die Einwohner der Stadt zu ihrer Bahn heute haben und wie sie damals die Bahn hautnah erlebten.“, sagt Autorin Andrea Besser-Seuß von der Produktionsfirma „Werkblende“ zu den Beweggründen.

Mit Unterstützung des Museumsvereinsvereins der Stadt Forst konnte Zeitzeugen gewonnen werden, die ihre Erlebnisse mit der Bahn vor der Kamera schilderten. Als „Erinnerungsstück“ diente dabei ein Stück Gleis aus dem Fundus des Brandenburgischen Textilmuseums.

Andrea Besser-Seuß bespricht mit Wolfram Wortha und Karin Adam die nächste Einstellung

Karin Adam, heute in Döbern lebend, erinnerte sich an ihre Kindheit in Forst. Für sie war die Schwarze Jule immer ein Abenteuer. Oft versuchte sie, auf die Waggons zu klettern und heimlich ein Stück auf ihrem Schulweg, der an der Bahnstrecke lag, mitzufahren.

Wolfram Wortha war als Rangierer bei der Forster Stadteisenbahn beschäftigt und konnte viele Anekdoten aus seinem Berufsleben erzählen. Und Marion Hermann bewahrt das Erbe ihres Vaters Richard Zerbock, Lokführer bei der Stadteisenbahn, für die Nachwelt auf. Ihr ganz persönliches Erinnerungsstück ist eine Jule in Modelbahngröße Z, handgefertigt von ihrem Vater.

„Die Schilderungen der Zeitzeugen sind hochinteressant und für mich neu.“, sagt Andrea Besser-Seuß. „Man spürt aber auch bei den Leuten, mit denen ich auf meinem Bummel durch die Stadt ins Gespräch gekommen bin, die latente Unzufriedenheit nach dem Niedergang der Textilindustrie.“ Trotzdem sei sie begeistert von der Freundlichkeit und Offenheit der Forster. So gab es für die Dreharbeiten jede Menge Unterstützung von verschiedenen Einrichtungen wie der Stadtverwaltung oder dem Textilmuseum. Gedreht wurde in der Weststraße bei der ehemaligen Textima, im Textilmuseum, im Garten von Familie Zerbock/Hermann und natürlich auch an der einzig verbliebenen Original-Lok im Feuerwehrgerätehaus Mitte. „Die tatsächliche Größe der Lok hat mich sehr erstaunt“, versichert Andrea Besser-Seuß. „Aber sie ist wunderschön!“ Nur eine Frage blieb bis zum Ende ungelöst: woher stammt eigentlich der Name „Jule“?

Ausgestrahlt wird die „Zeitreise“ nach Forst in der gleichnamigen Sendung am 22. Mai um 21:15 Uhr im MDR-Fernsehen.

Panzerkreuzer Potemkin auf dem Mühlgraben

Zum 51. Forster Geschichtsstammtisch lud der Museumsverein der Stadt Forst am internationalen „Tag des Wassers“ ins 1903 errichtete Wasserwerk in der Triebeler Straße ein.

Thomas Winkler, bei den Stadtwerken Forst verantwortlich für die Energie- und Wasserversorgung der Stadt, gab zunächst einen kurzen Einblick in die Historie der Wasseraufbereitung und das Leitungsnetz, welches sich unter Forst durchschlängelt. So gibt es eine direkte Leitung vom Wasserwerk zum ebenfalls 1903 erbauten Wasserturm. „Viele Rohrleitungen in der Stadt stammen noch aus der Zeit Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Trotz des Alters verläuft der Betrieb dieser Leitungen stabil und störungsfrei“, versichert Winkler. 168 km ist das Wassernetz lang und umfasst ein Gebiet von Klein Bademeusel im Süden bis Naundorf im Norden. Nach der Wende wurde auch die Gemeinde Simmersdorf-Groß Schacksdorf an das Forster Leitungsnetz angeschlossen. An die rund 5000 Hausanschlüsse werden zwischen 2000 und 3000 m³ Wasser pro Tag abgegeben. Zu DDR-Zeiten waren es noch 10.000 m³. Politisch gewollt ist eine maximale Abgabe von 7000 m³. „Wenn es nach mir ginge, wäre ich für eine Wasser-Flat-Rate, bei der die ersten 100 m³ pro Anschluss frei wären, was auch mehr Wasserverbrauch bedeuten könnte. Dann würden automatisch auch die Leitungen öfters gespült und würden sich nicht zusetzen.“, so Thomas Winkler.

Dr. Herbert Schulze und Dipl. Ingenieur Siegmar Tilgner, beide jahrelang in der Wasserwirtschaft tätig gewesen, widmeten sich in ihrem anschließenden Bilder-Vortrag jenen drei Gewässern, die von strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung für Forst sind. Da wäre zunächst der Lohmühlgraben, der im Stadtgebiet nur noch an ganz wenigen Stellen zu erahnen ist. Er wurde ausgetrocknet und zugeschüttet. „Es wird vermutet“, so der studierte Wasserbauer Tilgner, „dass der Lohmühlgraben eine Art Wassergraben um das Alte Amt mit Wasser speiste.“ 1997 sorgte der Rückstau der damals hochwasserführenden Neiße für eine Vernässung der inzwischen verrohrten Reste des Lohmühlgrabens bis ins Gebäude des ehemaligen Kreisarchivs.

Ebenfalls nur noch erahnen lässt sich die „Schwarze Grube“. Wo heute zwischen Stadion und den Bahngleisen nach Polen ein Rodelberg steht, befand sich früher Sumpfgebiet. Gespeist wurde das Gelände über einen unterirdischen Graben, der aus Richtung „Keunesche Alpen“ Wasser führte. Der Zusammenhang ist auch heutzutage noch deutlich erkennbar, weil in der Ringstraße am Eingang zu den Keuneschen Alpen die Wiese immer feucht ist. Am Bahndamm der Strecke Forst – Weißwasser in Höhe Mehrzweckhalle befindet sich ebenfalls noch ein Durchlass der ungewöhnlichen Wasserverbindung.

Für die Forster Textilindustrie war der Mühlgraben von besonderer Bedeutung, lieferte er doch das Wasser für die Dampfmaschinen. Siegmar Tilgner erinnert sich an die eisigen Winter in den 70er Jahren, als der Mühlgraben zuzufrieren drohte. „Wir haben aus zwei Entkrautungsbooten ein neues Boot gebaut und nannten das unseren ‚Panzerkreuzer Potemkin‘. Mit langen Haken haben wir vom Boot aus das Eis gebrochen. Manchmal mussten wir auch das Eis im Mühlgraben aufsprengen.“

Die Neiße machte stattdessen immer wieder mit ihren Hochwassern Sorgen. Den jemals höchsten gemessenen Stand gab es im August 1897, als das Wasser über den Deich bis ins Stadtzentrum schwappte. „Wie hoch der Neiße-Pegel damals genau war, lässt sich nicht mehr ermitteln, da damals andere Berechnungsnormen zur Messung dienten.“, so Siegmar Tilgner auf Nachfrage.

Nicht nur reine Fakten, sondern auch viel Informatives rechts und links der Neiße gab es für die zahlreich erschienenen Besucher zu erfahren. Das „Brückenmännchen“, welches bis vor ein paar Jahren auf einem Pfeiler der Langen Brücke thronte, war nicht nur ein optischer Hingucker. Der Architekt gab der Figur auch einen praktischen Nutzen. „Das Brückenmännchen war auch als Messpegel für die Neiße gedacht. Wenn bei Hochwasser die Füße des Männchens im Wasser standen, bedeutete dies gleichzeitig, dass Forst absäuft.“, sagte Tilgner scherzhaft.

Weil die Wasserwirtschaft bei Hochwasser selten zu Scherzen aufgelegt ist, wurde nach dem Sommerhochwasser 1981 die Deichanlage von Bad Muskau bis zur Odermündung in Ratzdorf immer etappenweise komplett saniert. Bis auf kleinere Sickerstellen verrichtet der Neißedeich seitdem zuverlässig seine Dienste in Sachen Hochwasserschutz.

Viele kleine kleinen Anekdoten aus dem Berufsleben der Redner bereicherten den Vortrag. So erfuhren die Zuhörer etwas von einem „Schwarzbau“ am Reisigwehr oder wie mit Eisenbahnwaggons vergebens versucht wurde, beim Hochwasser 1958 einen Deichbruch in Briesnig zu schließen.
Im Maschinenhaus des Wasserwerkes gestalteten die Wasserwerker als Gastgeber des Abends eine kleine Ausstellung, die sich mehr mit der Geschichte des Hauses befasst.

Der nächste Geschichtsstammtisch führt am 26. April nach Groß Schacksdorf, dann gibt es in der ehemaligen alten Schule viel zur Historie des Ortes zu erfahren.

Eine „Liebes-Geschichts-Stunde“ beim 48. Forster Geschichtsstammtisch

Im Mittelpunkt des 48. Geschichtsstammtisches des Museumsvereins Forst stand „Das Versprechen am Weberbrunnen“. Im Pavillon „Genuss und Kunst“ versammelten sich am vergangenen Donnerstag wieder Geschichtsinteressierte, um zu erfahren, was sich hinter diesem Versprechen verbirgt.

Lena Paul vom „Forster Wochenblatt“führte durch den Abend und erläuterte zunächst die Vorgeschichte. Der Forster Wolfgang Schenk, selbst Stammgast der Geschichtsstammtische, übergab vor einiger Zeit dem damaligen Herausgeber des „FoWo“ seine handschriftlichen Notizen. Diese sollten in loser Folge als Artikelserie in der Lokalzeitung erscheinen.

Als diese Notizen abgeschrieben und digitalisiert werden sollten, erkannte Lena Paul das Potenzial, dass diese Notizen enthielt. Sie konnte Wolfgang Schenk schließlich überzeugen, statt einer Artikelserie seine Notizen in Buchform zu präsentieren. „Die Veröffentlichung des Buches benötigt einen perfekten Rahmen, und was wäre als Rahmen besser geeignet als diese Veranstaltung?“, so Lena Paul in ihrer Anmoderation auf die nachfolgende Lesung von Textauszügen. „Es ist außerdem Zeugnis einer Zeit, die man nicht vergessen sollte!“

„Das Versprechen am Weberbrunnen“ ist Wolfgang Schenks autobiografische Liebesgeschichte. Sie beginnt 1943 im ehemaligen Forster Stadtteil Berge. Wolfgang Schenk lernt als achtjähriger Knirps eine Spielgefährtin namens Ingrid kennen. Am Weberbrunnen geben sich die beiden das Ehrenversprechen, immer für einander dazu sein.

Doch das Schicksal hat andere Pläne. Das Kriegsgeschehen rückt immer näher an die Neiße heran. Ingrid folgt ihrem Vater, der als Soldat versetzt wird. Wolfgang, seine Mutter und seine Oma, verbergen sich in Berge im Keller der Familie Schmolke vor den Bombardierungen. Im März 1945 flüchtet die Familie über die Neiße nach Forst, nur Wolfgangs Opa bleibt in Berge.

Später soll die Flucht weiter nach Friesland gehen. Stattdessen endet sie im thüringischen Steinbach-Hallenberg, wo die Familie eine zeitlang lebt und auch Arbeit findet.

Durch das Potsdamer Abkommen im August 1945 wird der Forster Stadtteil Berge plötzlich polnisches Gebiet. Als auch keine Nachricht mehr vom Opa kommt, macht sich die Familie Schenk 1946 auf nach Forst, kommt aber nur bis in die Nähe von Leipzig. Auch hier lebt Wolfgang mit seiner Familie einige Zeit, ehe im Sommer 1947 endlich die Rückkehr nach Forst erfolgt. In der Fruchtstraße bezieht Familie Schenk eine Wohnung. Von Ingrid hat Wolfgang allerdings nichts mehr gehört.

1959 bittet ein Freund Wolfgang, ihn zum Tanz in den Rosengarten zu begleiten und dort auf seine beiden Freundinnen aufzupassen. Bei der Vorstellung der beiden Frauen glaubt Wolfgang, seinen Augen nicht zu trauen, den eine der beiden ist Ingrid.

An dieser Stelle unterbrechen Lena Paul und Jens Dräger die Lesung, um nicht zu verraten, wie die Geschichte von Wolfgang und Ingrid weiter geht und ob das „Versprechen vom Weberbrunnen“ eingelöst wurde. Wer die Auflösung wissen möchte, findet diese im gleichnamigen Buch, erschienen im JSD Verlag & Druck. Wie Lena Paul mitteilte, ist die erste Auflage fast ausverkauft, eine zweite ist bereits in Planung.

Auch nach der Lesung gingen viele Exemplare über den improvisierten Ladentisch im Pavillon „Genuss & Kunst“. Wolfgang Schenk, der Autor des Buches, signierte bereitwillig die Bücher, nicht ohne vorher noch einmal darauf hinzuweisen, dass alle im Buch genannten Daten authentisch sind. „Ich berufe mich da auf die Buchführung meiner Oma, die damals alles aufgezeichnet hatte.“, so Wolfgang Schenk.