Eine „Zugezogene“ aus dem Westen befragt Forster Zeitzeugen und macht sich ihr eigenes Bild vom Osten

„Was kennen wir Wessis vom Leben in der DDR und von der Wende?“ – Diese Fragen hat sich Dagmar Schmitz-Chuh oft gestellt. Die Berlinerin zog 2013 aus dem Multi-Kulti-Stadtbezirk Kreuzberg ins beschauliche Forst. Sie hatte das Großstadtleben satt und wollte „aufs Land“, wie sie erzählt. In den Gesprächen mit Forster Einwohnern, z.B. beim Einkauf, hat sie immer wieder von früher erzählt bekommen – vom Leben in der DDR, von der Wende. Was sie dort zu hören bekam, passte so gar nicht in ihr Bild von der DDR und den Ostdeutschen. Ein Bild, mit dem sie seit der Kindheit im anderen Teil Deutschlands sozialisiert worden war.

Es gibt Statistiken, wonach 60% der Westdeutschen noch nie in den mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Bundesländern waren. Was sollen diejenigen also wissen, was über die mediale Verbreitung hinaus geht? „Diese Rundum-Relativierungen über den Alltag in der DDR und dieses generelle Aburteilen von oben herab, das ärgert mich!“, sagt Dagmar Schmitz-Chuh, “ Ich hab hier tolle Leute kennengelernt, die mir gerade mit ihrer DDR-Mentalität ans Herz gewachsen sind, ihre Art der Geselligkeit, ihrem derben Humor, ihre Direktheit, Loyalität, Solidarität, Zusammenhalt; ihre Art von Einfachheit, Bescheidenheit und Gemütlichkeit, und Durchblick, den viele Westdeutsche nur meinen zu haben. Diese ‚Ossis‘ trauern nicht der DDR als Diktatur nach, sondern den sozialen Verhältnissen.“

Dagmar Schmitz-Chuh beginnt, auf Grund ihrer hier gemachten Erfahrungen das einseitige, eindimensionale DDR- Bild der westlichen Medien in Frage zu stellen. Sie möchte es genauer wissen und macht sich auf die Suche nach Gesprächspartnern, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Geschichten aus der DDR mitteilen.

2018 reift die Idee, die Zeitzeugen-Berichte aufzuschreiben und für die Nachwelt aufzubewahren. Bei Bürgern aus dem Westen soll das Interesse geweckt werden, sich selbst ein Bild über den Osten zu machen. “ Ich will hier keine Werbung für die DDR machen und auch nicht glorifizieren. Ich kann mir, mit meiner westlich geprägten Sozialisation, auch nicht vorstellen, dass ich in der DDR hätte leben können. Aber das ganze DDR-Leben pauschal platt zu reden, in jeder Hinsicht als minderwertig darzustellen, wird dem Leben und den Menschen nicht gerecht.“

Um sich ein umfassendes Meinungsbild machen zu können, suchte sie nach Gesprächspartnern aus allen gesellschaftlichen Schichten: Arbeiter, Akademiker, Hausfrauen, Erzieherinnen, Bauern. Die Bereitschaft, sich über die DDR zu äußern, war schwerer als gedacht. „Es gab Mitmenschen, die mich mit der Frage abgewiesen haben, wieso ich, ein Wessi, so ein Projekt machen würde. Aber das es hier auch Leute gibt, die Wessis von Grund auf ablehnen, das war keine Überraschung. Abstempeln, pauschalisieren, vorurteilen, das gibt´s eben überall“, ist eine ihrer Erfahrungen. Auch vor einer Veröffentlichung hätten viele ihrer Gesprächspartner Angst gehabt. Zu leicht wäre man abgestempelt worden, weil man der DDR nachtrauern würde. Ein Interview mußte sogar abgebrochen werden, weil der Interviewpartner aufgrund seiner schlechten Erfahrungen mit der Stasi sehr empfindlich auf das Aufnahmegerät reagierte.
Im Pflegeheim „Haus am Rosengarten“ führte Dagamr Schmitz-Chuh Gruppengespräche, ansonsten viele Einzelgespräche – mal im Schrebergarten, mal auf dem Frühlingsmarkt, mal zu Hause. Das schicksalhafte Ausmaß der Wende für viele sei ihr erst durch das Projekt klar geworden.

Die Gespräche hat Dagmar Schmitz-Chuh alle aufgeschrieben und in ein kleines Buch verfasst. Dabei hat sie die Interviews im Wortlaut so gelassen, wie sie abgelaufen sind. „Bei den Interviews ist mir aufgefallen, wie viele verschiedene Dialekte hier in Forst mit einfließen. Der Eine sächselt mehr, die andere berlinert mehr. Das macht deutlich, aus welchen unterschiedlichen Richtungen die Leute in den 60er und 70er Jahren hier nach Forst gezogen sind.“, erinnert sie sich. Diese Dialekte finden sich deshalb auch in der niedergeschriebenen Fassung wieder.

Auf 132 Seiten schildern Forster Bürger ihre Erfahrungen mit der DDR – mal anonym, mal mit Namen. Ergänzt wird das Buch, das über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert wurde, mit vielen Forster Foto-Motiven aus der Sammlung von Hagen Pusch. und Malereien von Simone Schwarzenberg von den Forster Malfreunden.

Letztendlich soll das Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten, jenen die DDR-Zeit etwas lebendiger vor Augen zu führen, die sie nicht erlebt haben. Und denen, die das alles miterlebt haben, vor ihrem inneren Auge alles noch mal lebendig werden zu lassen: die Hausgemeinschaften, Brigaden, Feiern, das Miteinander und Füreinander, aber auch den Druck von oben, den Umgang damit, wie man sich arrangiert hat und so weiter.

Erhältlich ist das Buch mit dem Titel „Früher waren die Häuser grau und die Menschen bunt,…“ kostenlos u.a. in vielen Geschäften im Stadtzentrum, in der Tourismus-Information oder im Stadtteilbüro. Geplant sind auch Lesungen mit der Initiatorin des Projektes.

Über Thori 181 Artikel
Blauäugiger freiberuflicher Dichter und Denker, Jahrgang 67, Kreativling, Kulturschaffender, Fotograf, Filmperlentaucher und Pfützenländer

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