„Ich mache Schellackplatten-Karaoke!“ – Der Sänger Daniel Malheur im Interview über seine Begeisterung für die Musik der „Goldenen Zwanziger“

Daniel Malheur war beim 1. Steamrose Zeitreise Festival im vergangenen Jahr mit seinem Programm einer der musikalischen Attraktionen. Jetzt war er erneut in der Rosenstadt. Nach seinem Auftritt im Pavillon „Genuß & Kunst“ nahm er sich Zeit für ein kurzes Interview.

Herr Malheur, Ihr Konzert wurde als MonokelPop angekündigt? Was muß man sich als Jemand, der nicht bei Ihrem Konzert dabei war, darunter vorstellen?

Ich singe Schlager der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf eine etwas „malheuröse“ Art und Weise – nicht immer klassisch wie im Original, sondern ich agiere auch mit dem Publikum. Dazu lege ich Schallplatten mit Tanzorchester-Aufnahmen von Damals auf. Ich mache quasi Schellackplatten-Karaoke.

Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit aber ich möchte den Leuten die Vergangenheit ins Heute bringen. Die Texte wirken heute etwas anders als vor 90 Jahren. Deshalb singe ich die alten Titel nicht 100% original authentisch, eher mit einer Attitüde der heutigen Zeit und der Authentizität von mir als Figur Daniel Malheur. Ich interpretiere die Titel neu.

Wann kam die Idee, das Ganze als MonokelPop zu verkaufen?

Die Leute haben mich immer gefragt: „Was machst Du als Künstler?“ Ich habe angefangen in einer Schülerband mit Garagen-Punk-Rock. Im Laufe der Jahre bin ich zum Chanson gekommen. Das konnte ich dem Publikum transportieren und mit meiner Stimme füllen. Ich habe dann mit MonokelPop mein eigenes Genre kreiert. Das Monokel war immer dabei und wurde quasi mein Markenzeichen. Es bleibt den Leuten im Gedächtnis und hat einen Wiedererkennungswert.

Woher stammt Ihr Faible für die Musik der 20er Jahre?

Ich komme ja ursprünglich aus Hamburg. Am Sonntagnachmittag liefen im NDR immer die Filme mit Marlene Dietrich und Hans Albers. Die waren auf Deutsch, ich habe die Texte verstanden und konnte mitsingen.

Ich habe mich dann intensiver mit der Zeit der 20er Jahre auseinandergesetzt und gemerkt, da gibt es ganz viele spannende Geschichten. Es war nicht unbedingt eine schöne, goldene Zeit, eher eine schwere Zeit mit viel Armut, der 1. Weltkrieg war ja gerade zu Ende. Doch in den Zwanzigern hat sich eine komplett neue Gesellschaftsform entwickelt. Das Kaiserreich war zu Ende, alles war frei, die Leute durften viel machen. Es ist viel passiert.

Was glauben Sie, was macht heutzutage für viele Menschen den Reiz der 20er Jahre aus?

Das ist gerade jetzt top-aktuell, weil wir 100 Jahre die „Zwanziger“ haben. Es ist eine Art Revival und ein Grund, die 20er Jahre noch einmal aufleben zu lassen und zu thematisieren. Berlin war damals DIE Stadt in Europa. Das kulturelle Niveau der 20er Jahre war sehr hoch. Geschichtlich ist viel passiert, auch in der Mode, der Kunst, der Literatur. Das alles hatte auch Einfluß auf die nachfolgende Kultur, auch wenn diese unter den Nazis verboten war. Aber die Kultur hat überlebt. Die Texte meiner Titel sind über 90 Jahre alt, doch sie funktionieren heute noch.

Haben Sie musikalische Vorbilder?

Ich mag die Comedian Harmonists, den 20er-Jahre-Schallplattenstar Paul O`Montis oder Kabarattier Max Hansen. Auch Caruso und Richard Tauber waren brilliante Sänger.

Haben Sie eine musikalische Ausbildung?

Ich habe eine Gesangs- und auch eine Schauspielausbildung. 2 Jahre lang habe ich ausschließlich in Chören gesungen um Noten und Satzgesang zu lernen. Vieles lernt man aber auch auf der Bühne.

Sie interpretieren nicht nur typische Lieder der 20er und 30er Jahre, sondern covern auch aktuelle Hits im Stile der damaligen Zeit. Nach welchen Kriterien wählen Sie die gecoverten Titel aus?

Das ist ein Spezialprojekt von mir. Ich komme ja, wie schon erwähnt, aus der Rockmusik und habe danach 20 Jahre lang Schlager gemacht. Mich dürstete mal nach etwas Abwechslung, was sich trotzdem mit den Zwanzigern verbinden lässt. Mit dem „Heaven and Hell Orchestra“ z.B. spielen wir im Stile einer 20er-Jahre-Jazzband Titel von Deep Purple, Metallica, Black Sabbath oder AC-DC als Teuflische Tangos, Faustische Foxtrotts oder Pferdefüßige Polka. Es sind komplett neue Arrangements und es klingt anders. Einerseits ist es sehr nahe am Original, was Harmonien und Noten betrifft, andererseits sind es andere Rhythmen, als man sie von den ursprünglichen Titeln gewohnt ist. Viele Rocktitel sind so brilliant, die funktionieren auch als Tango.

Sie sind nicht nur Solo unterwegs, sondern auch mit dem „Salon-Trio Malheur“ oder dem „Heaven and Hell Orchestra“ auf Tour. Werden da unterschiedliche Genres bespielt oder warum diese Vielfalt?

Wir sind da flexibel. Wenn gagenmäßig nur 3 Leute bezahlt werden können, kommen wir mit dem Trio; das „Heaven and Hell Orchestra“ ist dann schon mit größerem Aufwand verbunden und eher was für große Bühnen. Aber alle Projekte entsprechen trotzdem meinen Vorstellungen, die 20er Jahre ins Hier und Jetzt zu übertragen. Alles ist MonokelPop.

Max Raabe, ebenfalls musikalisch in den 20er und 30er Jahren unterwegs, kleidet sich ja auch privat wie in den 20er Jahren und lebt diesen damaligen Zeitgeist aus. Ist das bei Ihnen ähnlich?

Nein. Charakterlich ist in Daniel Malheur viel von mir als Privatperson drin und ich sehe mich eher als ein Mensch des 21. Jahrhunderts.

Sie waren im vergangenen Jahr beim ersten Steamrose Zeitreisefestival hier in Forst dabei und Ihre beiden damaligen Auftritte im Pavillon „Genuß & Kunst“ waren dermaßen gut besucht, daß gar nicht alle Leute, die Sie sehen wollten, Platz gefunden hatten. Hat Sie dieser Andrang und das Interesse an Ihnen überrascht, zumal Sie damals nur Insidern bekannt waren?

Ich hatte im Vorhinein mitbekommen, daß die Forster schon Wochen vorher Lust aufs Festival hatten und war hocherfreut, dabei sein zu dürfen. Und ich war natürlich begeistert, dass die Resonanz auf Daniel Malheur so toll war! Die Festivalmeile war zwar etwas weiter weg vom Pavillon „Genuß und Kunst“. Ich bin trotzdem nach meinem Auftritt aufs Festivalgelände gegangen. Diana Sonntag, die Inhaberin des Pavillons, hatte mich noch am gleichen Abend angesprochen, daß ich nochmal mit meinem Programm wiederkommen müßte.

Hatten Sie denn schon Gelegenheit, die Stadt Forst zu erkunden?

Ich war abends beim Steamrose Zeitreise Festival. Am nächsten Morgen waren wir im Rosengarten unterwegs und nachmittags machten wir eine Kahnfahrt durch den Spreewald.

Wird es irgendwann ein Wiedersehen in Forst geben?

Davon gehe ich aus.

Vielen Dank für das Gespräch und auf ein baldiges Wiedersehen!

Zur Homepage von Daniel Malheur

 

Über Thori 172 Artikel
Blauäugiger freiberuflicher Dichter und Denker, Jahrgang 67, Kreativling, Kulturschaffender, Fotograf, Filmperlentaucher und Pfützenländer

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