„Man ist nicht gezwungen, den Vordermann zu überholen!“ – Der Berliner Rennfahrer Philipp Weidinger über die Faszination Rallycross

Als 2015 auf dem Lausitzring im Süden Brandenburgs zum ersten Mal die Deutsche RallyCross Meisterschaft Station machte, waren die Zuschauer fasziniert von dem, was ihnen geboten wurde: spektakulärer Motorsport, packende Tür-an-Tür-Duelle und frisierte Tourenwagen an der Belastungsgrenze. Dazu sommerlich heiße Temperaturen, die die Rennen zum Härtetest für Fahrer und Autos machten. Keine Frage, der Auftritt auf der extra dafür neu errichteten Piste im Turn 1 des Lausitzringes konnte die Zuschauer für diese hier in der Region noch relativ unbekannte Motorsportdisziplin begeistern.

Einer der tollkühnen Piloten ist Philipp Weidinger. Der 26jährige BWL-Student startet für die Private Renngemeinschaft Spandau e.V. im ADAC. Zum Rallycross ist er eher zufällig gekommen. „Der ADAC Berlin-Brandenburg wollte ein Rallycross-Rennen veranstalten und hat unseren Verein gefragt, ob wir die Organisation in Groß Dölln übernehmen könnten. Zunächst hatte ich das Projekt als Offizieller im Org.–Büro begleitet. Irgendwann fragte mich mein Papa, ob ich nicht selber mitfahren möchte.“, erinnert sich Philipp an seine Anfänge als Rallycrosser. 

ADAC Track Day

Philipp Weidinger vor seinem Peugeot 206 RC

Das war vor etwa 3 Jahren. Zuvor war Philipp Weidinger ziemlich erfolgreich im Slalomsport unterwegs, wurde zweimal „Slalom Youngster Cup“-Meister. Auch ein Jahr im „Dacia Logan Cup“ steht in seiner Vita.

Vor zwei Jahren wechselte Philipp zum Rallycross, wurde 2014 Vize-Meister im DRX-RallyCross Cup und gewann 2015 den Titel. 2016 stieg er in die Klasse der „Super National“ auf. Hier finden sich sowohl Front- und Heckantriebler als auch Fahrzeuge mit Turbo- oder Saugmotoren wieder. Klassen wie DRX RallyCross Trophy, DRX Rallycross Cup oder Super 1600 sind stärker reglementiert.

Aber was macht Rallycross für Fahrer und Zuschauer so interessant? Philipp Weidinger kennt das Erfolgsgeheimnis: „Es ist die Kombination aus Asphalt- und Schotterpassagen. Man muss auf beiden Oberflächen schnell sein. Und man fährt im Gegensatz zum reinen Rallyesport nicht gegen die Zeit, sondern im Pulk Mann gegen Mann.“

6_Rallycross Lausitzring 2015_(c)Thoralf Haß

Der Rallycross-Parcours besteht aus Asphalt- und Schotterpassagen

Im Pulk – das heißt, meist 5 bis 8 Fahrer absolvieren kurze Läufe, die Heats. Eine Rennrunde ist etwa einen Kilometer lang und muss maximal 7 mal absolviert werden.

Überhaupt ist Rallycross für den Laien zunächst etwas ungewohnt. So gibt es neben dem Freien und dem Zeittraining an jedem Rennwochenende 3 Qualifikationsläufe. Im ersten Lauf erfolgt die Startaufstellung entsprechend der Trainingszeiten. Für jede Platzierung in Lauf 1 gibt es Punkte, aus denen ein Ranking ermittelt wird. Im zweiten Lauf starten die Fahrer auf den ungeraden Punkterängen (also die Plätze 1,3,5,7 usw.) sowie die Fahrer auf den geraden Punkterängen (2,4,6,8 usw.) gegeneinander. Die in Lauf 2 erzielten Punkte werden zu den bisherigen addiert und es ergibt sich eine neue Reihenfolge. Die Startaufstellung für Lauf 3 ergibt sich wiederum aus den geraden und ungeraden Platzierungen. Die Punktbesten nach 3 Vorläufen ermitteln dann im Finale den Tagessieger.

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Beim Rallycross erleben die Zuschauer packende Kopf-and-Kopf-Duelle

Eine Besonderheit beim Rallycross ist die Joker-Runde, die jeder Fahrer einmal pro Lauf durchfahren muss Meist handelt sich dabei um eine kleine Schleife oder Schikane, die in die normale Rennstrecke integriert ist. Ähnlich wie der Boxenstopp und die richtige Boxenstrategie beim Tourenwagen- oder Formel-Rennsport kann der Zeitpunkt, wann der Fahrer die Joker-Runde absolviert, über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Wenn ich nach dem Start vorn bin, nehme ich die Joker-Runde in der letzten Umfahrung. Sollte ich jedoch den Start verschlafen und Fahrzeuge vor mir haben, fahre ich gleich zu Beginn die Joker-Runde, um anschließend freie Strecke zu haben und das maximale Tempo zu fahren, das mein Fahrzeug hergibt!“, verrät Philipp die beste Strategie. Man sei nicht unbedingt gezwungen, den Vordermann zu überholen, wichtiger sei es, bei möglichst freier Strecke den Parcours am schnellsten zu durchqueren.

Das Reglement erlaubt es auch, an den Fahrzeugen herumzuschrauben. Man darf das Fahrwerk oder das Steuergerät verändern, auch der Einbau leichter Plastikteile ist erlaubt. Die Motoren sind allesamt getunt.

Philipps Rennbolide ist ein Peugeot 206 RC mit etwa 200 PS. Wie schnell sein Fahrzeug ist, kann Philipp nicht so genau sagen: „Das Fahrzeug wurde noch nie ausgetestet. Und da wir kein Tachometer im Auto haben, weiß ich auch nicht, wie schnell ich bin. Aber es geht auch nicht so sehr um Höchstgeschwindigkeit, sondern darum, am schnellsten aus den Ecken und Kehren heraus zu beschleunigen und sich so einen Vorteil im Rennen zu verschaffen!“

Der Berliner betreibt seinen Rennsport als Hobby. Das siebenköpfige Team, das sich um Fahrer und Fahrzeug kümmert, besteht aus Familie und Freunden. Philipps Vater Gerd Weidinger ist Vorsitzender der Privaten Renngemeinschaft Spandau, Teamchef bei Weidinger Motorsport und Rennleiter der Rennen auf dem Lausitzring. Um die Verpflegung am Rennwochenende kümmert sich Philipps Mama. Hinzu kommen die beiden Mechaniker Marc-Anton Schubert und Karsten Liebtrau.

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Philipp Weidinger wühlt sich durch die Schotterpassagen

Die Kosten für eine Saison kann man schlecht beziffern – die Arbeitsstunden sind nicht gezählt, oft wird bis spät in die Nacht am Rennauto repariert. Bei den hochgezüchteten Motoren ist nach jedem Rennen ein Motorencheck notwendig. Und bei den heißen Duellen auf der Strecke und den Belastungen durch den Untergrund gehen auch schon mal einige Teile kaputt, die erneuert werden müssen.

Philipps Lieblingsstrecke ist der Parcours auf dem Lausitzring: „Die Strecke ist länger als andere Kurse, außerdem fahren wir auf richtigem Rennasphalt. Die eingebaute Sprungkuppe ist einzigartig und es gibt schnelle und langsame Ecken.“, schwärmt er.

Ausgerechnet auf dem Lausitzring ging beim ADAC Track Day, der für Test- und Einstellfahrten gedacht ist, sein Fahrzeug kaputt. Und das eine Woche vor dem Start in die neue Saison. So musste er beim ersten Rennen auf sein Vorjahresfahrzeug, einen VW Polo, ausweichen, welcher natürlich in der neuen Klasse hubraumtechnisch deutliche Nachteile gegenüber den anderen Fahrzeugen hat.

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Philipp Weidinger (hinten) auf der Strecke

Überhaupt sind Trainings- und Testmöglichkeiten sehr begrenzt. Da die Rennfahrzeuge keine Straßenzulassung besitzen, bleibt den Fahrern nur, offizielle Trainingstage zu nutzen oder man hat das Glück und darf auf Privatgelände testen.

Erst in den vergangenen Jahren ist Rallycross in Berlin und Brandenburg populär geworden, allerdings ist es immer noch eher Breiten- als Profisport. In der WorldRX, der FIA World Rallycross Championship, fahren die großen Namen: DTM-Pilot Mattias Ekström (Schweden), Rallye-Weltmeister Sebastien Loeb (Frankreich) oder auch der mehrfache Medaillengewinner der X-Games Ken Block (USA), der im amerikanischen Pendant zur WRX, der Global Rallycross Championship GRC, startete.

Ein Start in diesen internationalen Serien wäre für Philipp Weidinger ein Traum. Bis dahin konzentriert sich Philipp auf seine Rennen in der „Super National“-Klasse, die er irgendwann mal als Meister beenden möchte. „Wenn Sponsoren mitspielen, ist das Ziel sicherlich realistisch. Ich denke, fahrerisches Vermögen ist vorhanden, um mithalten zu können“, zeigt sich Philipp Weidinger optimistisch. Für die aktuelle Saison sind seine Ziele bescheidener. „Es gibt viele starke Fahrer und Autos in dieser Klasse. Eine Platzierung in den TOP 3 dürfte für mich schwierig werden. Ich will aber im oberen Mittelfeld, etwa Platz 5 oder 6 einkommen.“

Dass diese Einschätzung nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigte sich bereits am ersten Rennwochenende auf dem Lausitzring. Trotz 50 PS weniger Leistung als seine Konkurrenten konnte sich Philipp von Lauf zu Lauf steigern und erreichte schließlich das Halbfinale. Damit war das selbstgesteckte Ziel erreicht, aber durch eine taktisch kluge Fahrweise und Fehler der anderen Fahrer schaffte Philipp den Einzug ins Finale, wo er für alle überraschend mit Platz 3 seine erste Podiumsplatzierung in der neuen Klasse erzielte.

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Philipp Weidinger in der Startaufstellung zum Rennen auf dem Lausitzring

Ob sich dieser positive Trend in den nächsten Rennen fortsetzt, wird sich zeigen. Neben dem Rennen auf dem Lausitzring stehen noch Läufe auf dem Grundautalring, Estering Buxtehude, Ewald-Pauli-Ring Schlüchtern und in Maasmechelen (Belgien) auf dem Programm. Abgerechnet wird am Jahresende, wenn die Meisterschaft beendet ist. Gut möglich, dass dann ein Berliner ganz vorne mitmischt…

„Alte Hasen“ und Neueinsteiger beim Trainings- und Schnuppertag auf dem Halbendorfer See

Gemeinsam mit dem ADAC Berlin-Brandenburg organisierte der ADAC Sachsen am 23. April auf dem Halbendorfer See das jährliche Frühjahrstraining für Motorrennboote aller Klassen.

12 Piloten aus mehreren Bundesländern nutzten die Gelegenheit, ihre Rennboote fit für die neue Saison zu machen und neue Bauteile zu testen. So konnten die Schaulustigen Boote der Renn-Klassen O-125, O-250, O-350, F-500 und des ADAC Masters erleben. Auch die Classic-Boote waren mit 5 Teilnehmern stark vertreten. Classic-Boote sind historische Rennboote, die heutzutage nur noch auf Showveranstaltungen zu erleben sind.2016-04-21__(c)-Thoralf Hass_10

„Wir haben hier die Möglichkeit, nach der Winterpause erstmals unsere Boote wieder zu Wasser zu lassen. Die Gegebenheiten hier vor Ort und auch die Strecke sind für solche Trainingstage nahezu ideal!“, verrät der Berliner Karsten Kluge, der in der Vergangenheit schon EM- und Vize-EM-Titel in verschiedenen Klassen gewann. Auf dem Halbendorfer See sorgte sein Rennboot der Klasse F-500 für Aufsehen bei den wenigen Zuschauern. Mit 180 PS und Höchstgeschwindigkeiten bis zu 180 km/h jagte Kluge über den See.

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180 PS, ca. 180 km/h, 220 kg schwer, 13800 U/min, 500 ccm
Karsten Kluge in seinem F-500

Fast ebenso schnell war Roman Schnaider aus Vockerode (Sachsen-Anhalt) mit seinem 35 Jahre alten Oldtimer. Er pilotierte ein Originalboot von Motorboot-Legende Bernhard Danisch. Die Danisch-Boote eroberten in den 70er und 80er Jahren mehrere WM-und EM-Titel und stellten Geschwindigkeitsweltrekorde auf.

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zum Vergleich ein historisches 500er Boot: ca. 130 PS, etwa 150 km/h schnell, 12500 U/min
Roman Schnaider (3.v.r.) mit einem Boot von Bernhard Danisch

Motorbootrennsport hat in der Lausitz eine lange Tradition. Neben Halbendorf gab es in der Vergangenheit Rennen auf dem Schwielochsee, dem Partwitzer See und auf der Talsperre Spremberg.

Ein paar Unentwegte versuchen seit Jahren mehr oder weniger vergebens, diese Tradition aufrecht zu erhalten. Mit dem Halbendorfer See fand man 2011 ein Terrain, daß internationalen Ansprüchen genügte. Nach 3 Internationalen Rennen war schon wieder Schluß: Der Bau der neuen Wasserski-Anlage sorgte dafür, daß der Kurs verkürzt werden mußte. Damit sind hier zukünftig keine Rennen mehr möglich.

Überhaupt wird es für Veranstalter immer schwerer, geeignete Strecken zu finden. Hans Joachim Gleffe vom Motor-Rennboot-Club Berlin e.V. gehört zu denen, die den Motorbootrennsport am Leben erhalten wollen. Gerade die Lausitz mit ihren vielen Gewässern bietet sich an. „Wir wollten auf dem Bärwalder See ein Rennen etablieren, waren mit den Planungen schon weit vorangeschritten. Allerdings waren unsere Ansprechpartner nicht so zuverlässig, wie man das für solch eine Veranstaltung erwarten muß. Und ohne zuverlässige Partner kann man ein solches Rennwochenende nicht alleine organisieren und finanzieren.“, verrät Gleffe die Probleme. Auch der Plan, das Rennen auf dem Spremberger Stausee wiederzubeleben, scheiterte an einer einzigen Unterschrift.

Ein weiteres Problem für den deutschen Motorbootrennsport ist der Nachwuchs. Es gibt zu wenige junge Fahrer. Der ADAC geht deshalb neue Wege. Neben dem offiziellen Training für die erfahrenen Piloten gab es auf dem Halbendorfer See einen Schnupperkurs für Kinder und Jugendliche. Mit der Klasse GT-15 hat der ADAC eine Einsteigerklasse etabliert, in der man mit 10 Jahren erste Rennerfahrungen sammeln kann. Sieben mutige Kinder, u.a. aus Berlin, Magdeburg und Krauschwitz, nahmen in einem Rennboot Platz und ließen sich von Volker Lewalter, Instrukteur beim ADAC Hessen/Thüringen, einweisen. Nach einer kurzen Sitzprobe und Trockenübungen ging es für die Steppkes das erste Mal aufs Wasser.

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Volker Lewalter bei der Einweisung

Yvonne König

Yvonne König, hier beim Motorbootrennen in Berlin-Grünau 2015

Fachliche Hilfe für die Kleinen gab es von Yvonne König, mit einem Vizeweltmeistertitel und Erfahrungen in der Formel-2 eine der aktuell besten deutschen Motorbootfahrerinnen. „Ich hatte mit 14 Jahren meinen Einstieg in den Rennsport, allerdings war damals das Mindestalter höher gesetzt.“, erinnert sie sich an ihre eigenen Anfänge. „Mit der GT-15 ist der ADAC auf einem guten Weg. Die Boote sind sehr sicher und die Kleinen können hier das Rennsport-Einmaleins lernen!“, freut sich Yvonne König über die Begeisterung der Jüngsten. Ob auf dem Halbendorfer See die Karriere eines zukünftigen Weltmeisters begann, wird die Zukunft zeigen.

Wer die historischen Rennboote einmal im Einsatz sehen will, hat am 13. August in Goyatz auf dem Kleinen Schwielochsee sowie am 20.August in Eisenhüttenstadt auf dem Oder-Spree-Kanal die Gelegenheit.

An letzten August-Wochenende findet in Berlin-Grünau auf der Regattastrecke ein WM-Lauf der F4 statt.

(c) für alle Fotos: Thori, 2015 & 2016