„SM-Yoga“ und skurrile Typen in der 6. Langen Kabarettnacht

Lachen soll ja bekanntlich gesund sein. Wenn das stimmt, dürften die Besucher der mittlerweile 6. „Langen Nacht des Kabaretts“ für die nächste Zeit geheilt sein. Birgit Hendrischke, Veranstaltungschefin im „Kuckuck“, überraschte wieder Stammgäste und Neueinsteiger mit einem bunten Mix aus politischem und Musikkabarett, Poetry Slam sowie Comedy-Einlagen. Da die Namen der teilnehmenden Künstler vorab nicht bekannt gegeben wurden, wusste das Publikum auch nicht, was es zu erwarten hat. Und so schallten diesmal ungewohnte Melodien durch den Saal und skurrile Typen sorgten auf der Bühne für Jux und Dollerei.

Moderiert wurde die Show vom Potsdamer Kabarett „Schwarze Grütze“, die nicht zum ersten Mal im „Kuckuck“ auftraten. Bereits mit ihrem ersten Titel, der von Herrn Peters und seinem missglückten Suizidversuch handelte, weil der geplante Sprung vom Hochhaus zu einem Medienevent aufgebauscht wurde, gewannen die beiden Musiker das Publikum, das von Anfang an mitging.

„Kommt ein Mann mit einem Frosch auf dem Kopf zum Arzt…“ Wer bisher glaubte, dass es nur eine Variante dieses Witzes gibt, musste sich von „Schwarze Grütze“ eines Besseren belehren lassen. Gefühlte 20 verschiedene Pointen zu diesem Witz hielten die Beiden parat. Und mit Verweis auf ihren Jahreskalender, der 53 Varianten enthält, waren das noch nicht einmal alle.

Andreas „Spider“ Krenzke aus Berlin hat sich dem Poetry Slam verschrieben und las kurze, aber witzige Anekdoten aus seinem Leben vor. So erfuhren die Zuschauer im Saal, woher die „fetten Kevins“ im Berliner Wedding kommen und was es mit „Dick und Doof am Ostseestrand“ auf sich hat.

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Andreas „Spider“ Krenzke

Silvia Doberenz aus der Nähe von Köln trat zum ersten Mal im „Kuckuck“ auf und zeigte Ausschnitte ihres Programmes „Erleuchtung für Anfänger“. Dazu gab sie Tips zum „sinnlosen Glücklichsein“ und wie man jede Menge „Karma Paybackpunkte“ sammeln könnte. Als indische „Erleuchtungsexpertin“ Amanda Chandrakandra erklärte sie dem Publikum den Weg zum inneren Frieden, unterstützt von ihrer lustlosen Dolmetscherin Yvonne (ebenfalls von Silvia Doberenz gespielt).

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Silvia Doberenz

Welche Auswirkungen diese „Bewusstseinserheiterung“ hat, bewies Silvia Doberenz gleich selbst. Mit ekstatischen Bewegungen „tanzte“ sie abwechselnd zu den Rhythmen von Rammstein und Karel Gott.

Erik Lehmann aus Dresden ist ein alter Bekannter. Eine seiner Paradefiguren ist Uwe Wallisch. Der hatte sich bei ALDI im Sonderangebot ein „deutsches Atom-U-Boot der 212er Baureihe mit den Maßen 65 mal 6,5“ für nur 19,95 Euro bestellt. Das würde gut in seine Schrankwand passen. Dumm nur, dass die Zahlenangaben in Meter waren. Jetzt steht auf der Straße vor seinem Haus ein echtes U-Boot und wird täglich von der Politesse mit einem Knöllchen versehen, weil es die Zuwege versperrt. Aber Wallisch hat schon Pläne, was er mit seinem U-Boot macht, welches eigentlich für Griechenland geplant war, aber nicht bezahlt werden konnte. Zuerst wird die älteste Dampfschiff-Flotte der Welt versenkt und anschließend gibt es Rundfahrten auf der Elbe mit ganz ungewöhnlichen Ein- und Ausblicken.

Für große Erheiterung sorgte eine Zuschauerin, die für kurze Zeit den Saal verließ. Erik Lehmann alias Uwe Wallisch unterbrach sein laufendes Programm, machte es sich auf der Bühne bequem und wartete auf die Rückkehr der Zuschauerin, nicht ohne spitze Bemerkungen wegen der ungeplanten Unterbrechung zu machen.

Nach einer kurzen Pause, in der die „Kuckucks“-Küche kleine Snacks vom Buffet anbot, übernahmen „Schwarze Grütze“ wieder das Kommando. Zunächst machten sie sich politisch unkorrekt über die Sprachschwierigkeiten der Chinesen lustig, die statt einem „R“ ein „L“ sprechen. Und so wurde aus einem Liedtext über „Gerd“ dank immer neuer Wortkreationen schnell ein Lied über „Geld“. Anschließend sangen die beiden Kabarettisten ein Loblied auf Ritalin, welches für Ruhe bei ADHS-gestörten Kindern und Rennmäusen sorgt.

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Silvia Doberenz alias Sandra Sommer

Silvia Doberenz philosophierte als ihr alter Ego Sandra Sommer über ihre Beziehung zu sich selbst. Mangels Männern „klappt es bei ihr hinten und vorne nicht“. Das hat aber den Vorteil, dass niemand zu Hause ist, „der nicht zuhört“. Aber ein Leben nur mit Dildo ist auch nicht schön, denn schließlich „könne ein Dildo kein Regal aufbauen!“.

Silvia Doberenz alias Sandra Sommer zeigte dann aber dem Publikum, welche Alternative sie sich erarbeitet hat. Aus der verschüchterten Frau wurde im Handumdrehen ein heißer Vamp. Im Lack-und Leder-Kostüm schritt sie als Domina durchs Publikum und bot einen „SM-Yoga“-Kurs an. Zuschauer Ekki bekam sogar einen Gutschein über 60 Minuten geschenkt, „quasi eine geschlagene Stunde.“

Aus Andreas „Spider“ Krenzkes Mund erfuhren die Zuschauer, wer den Nagelstudio-Boom in Deutschland ausgelöst hat und welche Probleme der Autor mit Bauarbeitern hat, die sein Haus rekonstruieren.

Erik Lehmann nahm die Vorlage dankend auf und schilderte als „Bauleiter“, welche Probleme mit Umweltschützern beim Bau einer Umgehungsstraße entstehen können. Das gipfelt in der Feststellung, dass einen diese „Umwelt-Palästinas“ und „Öko-Taliban“ nicht ernst nehmen, „wenn Du kein Fell hast!“.

Zu diesem Zeitpunkt ging es schon auf Mitternacht zu. Nach einer letzten kurzen Pause traten noch einmal Andreas „Spider“ Krenzke und Erik Lehmann auf. Krenzke schilderte das Schicksal von Jonas, dessen Mutter bei einem Ausflug in die Waldkita vom Bus überfahren wurde. Erik Lehmann dagegen beschwerte sich über den Senioren-Spielplatz, der vor seinem Haus entsteht.

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Dirk Pursche von der „Schwarzen Grütze“

„Schwarze Grütze“ blieb es schließlich vorbehalten, aufs große Finale hinzuleiten. Dazu musste erst „nochmal die Stimmung in den Keller gefahren werden“, denn wenn auf dem Nachhauseweg die Polizei die grinsenden Leute sieht, glaubt die sicherlich an einen kollektiven Drogenrausch. So erklang zum Abschluss ein trauriger Blues, in dem noch einmal deutsche Stimmungs- und Partyhits verballhornt wurden.

Erik Lehmann beschloss den fälligen Zugabenteil, der überwiegend aus dem Erzählen von Lieblingswitzen bestand, mit den Worten: „Kabarett ist schön und gut, aber man muss auch mal einen Witz machen!“

Nach mehr als 5 Stunden endete weit nach Mitternacht die „Lange Nacht des Kabaretts“. Nach Birgit Hendrischkes Rechnung war diese sechste „Lange Nacht“ die bisher längste. Die beteiligten Künstler waren voll des Lobes für die Stimmung im Saal. „Es ist unglaublich, was hier auf die Beine gestellt wird. Die Atmosphäre, das Publikum, die Organisation – alles perfekt“, fasste Silvia Doberenz ihre Eindrücke zusammen. Ihre Erwartungen wie die der anderen Künstler wurden weit überboten. Dazu gehört sicherlich auch, dass die Künstler in ihren Auftrittspausen im Saal blieben und sich die Programmpunkte der Anderen ansahen. Selbst die Gags wurden aufgenommen und in die eigene Vorstellung kurzfristig eingebaut.

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Großes Finale, v.l.n.r.: Erik Lehmann, Silvia Doberenz, Andreas „Spider“ Krenzke, „Schwarze Grütze“
(c) für alle Fotos: Thori, 2015

Schon jetzt wird der Wunsch nach der nächsten langen Kabarettnacht laut. Da das Konzept funktioniert, wird sich Birgit Hendrischke sicherlich ab sofort schon wieder Gedanken machen, mit welchen Künstlern sie ihre Gäste im nächsten Jahr überrascht.

Artikel veröffentlicht:
03.03.2015 LR-Logo