Peking 2008 – (M)ein Fazit

Das waren sie also – die Olympischen Spiele von Peking sind Geschichte, die Spiele der Jugend sind vorüber!

Was wurde im Vorfeld nicht alles prognostiziert und befürchtet. Terroranschläge auf die Spiele blieben aber glücklicherweise aus, Protestaktionen gegen die Tibet-Politik Chinas allerdings leider auch. Die Zahl der Dopingsünder hielt sich in Grenzen, Träume gingen in Erfüllung oder zerplatzten wie Seifenblasen. Die Chinesen gewannen überlegen die Medaillenwertung, aber die ganz große Dominanz der scheinbar unter Laborbedingungen hochgezüchteten Staatssportler blieb vor allem in den Kernsportarten dann doch aus. Der US-Schwimmer Michael Phelps machte seine Ankündigung war und schwamm sich mit 8 Siegen bei 8 Starts in die Rekordbücher. Weltrekorde purzelten wie nie zuvor in der Olympia-Geschichte.

Aber war wirklich alles Gold, was da glänzte? Und was zeigte das deutsche Team? Es schlug sich überraschend gut. Mit 41 Medaillen (16 Gold, 10 Silber, 15 Bronze) gewann man zwar weniger Medaillen als in Sydney und Athen, dafür holte man mehr Olympiasiege als bei den vorangegangenen Spielen. Am Ende steht Platz 5 in der Medaillenwertung zu Buche. Es wird jetzt wieder Leute geben, die die Medaillenflut nach landsmannschaftlichen Gesichtspunkten aufteilen. Also gut, wen es interessiert: Allein die Region Berlin/Brandenburg hätte als eigenständige Mannschaft immerhin Platz 15 in der Medaillenwertung geholt, noch vor solch großen Sportnationen wie Polen, Kanada, Norwegen oder Tschechien!

Sicher, man drückt den Athleten aus der Heimat etwas fester die Daumen, aber der Norddeutsche leidet gesamtdeutsch mit und jubelt genauso über Medaillen, die nach Bayern gehen wie der West-Zuschauer dem Sportler aus einem Ostverein den Sieg gönnt. Außerdem schaut man sich alle vier Jahre Sportarten an, wo man nicht mal die Regeln versteht. Ja, man lernt sogar die Namen der mitgereisten Pferde auswendig, obwohl man sich gar nicht für Pferdesport interessiert. So etwas schafft nur Olympia.

Nicht wenige Fachleute hatten ja vorab einen Abrutsch in die Bedeutungslosigkeit bzw. auf den bundesdeutschen Stand von vor der Wiedervereinigung vorhergesagt. Damals holte die BRD 40 Medaillen (11 Gold, 14 Silber, 15 Bronze). Zum Vergleich: die DDR gewann 102 Medaillen (37 Gold, 35 Silber, 30 Bronze). Inzwischen ist aber das ins gesamtdeutsche Vermögen eingebrachte DDR-Erbe aufgebraucht, auf das sich in den letzten 2 Jahrzehnten gut aufbauen ließ.

Und die Fachleute schienen auch zunächst Recht zu behalten. Die Schwimm-Mannschaft lies es sich am Pool gutgehen und staunte Bauklötze über die Leistungen der anderen Nationen. Schnell hatte man auch den Hauptschuldigen ausgemacht: den „Superanzug“, den die Deutschen nicht hatten und der völlig neue Schwimmeigenschaften vermitteln soll. Immerhin kann man froh sein, daß kein deutscher Teilnehmer ertrunken ist und alle heil ins Ziel gekommen sind. Wer aber zum Saisonhöhepunkt Zeiten 2-3 Sekunden über der eigenen Bestleistung anbietet, sollte sich zuerst an die eigene Nase fassen und hat eigentlich bei Olympia nichts zu suchen. Dank Deutschlands Vorzeigeschwimmerin Britta Steffen konnte man am Ende doch noch ein Happy End feiern. Erst gewann sie über ihre Paradestrecke 100m Freistil Gold und anschließend das Heulduell gegen ihre Freundin Franziska von Almsick. Und Deutschland heulte vor Rührung mit.

Zum Heulen waren auch die Leistungen der Ruderer. Früher eine sichere Medaillenbank, ging die Ruderflotte diesmal unter. Neben Pech und krankheitsbedingten Ausfällen waren vorallem verbandsinterne Querelen Schuld am Kentern. Einige Bootsbesatzungen wurden sogar kurz vor Olympia komplett ausgewechselt, weil es ja leichter ist, mit einem nicht eingespielten Team an den Start zu gehen… Logisch, daß anschließend Köpfe rollten. Und – man lese und staune – man sehnt sich im Ruderverband nach einem neuen Chef-Trainer, möglichst mit DDR-Erfahrung! Wie bitte? Hat man dort etwa endlich gemerkt, daß die Erfolge der DDR-Sportler nicht nur durch Doping erzielt wurden, sondern auch durch bessere Trainingsmethodik und einem präzisen Sichtungssystem, um frühzeitig Talente an den Sport heranzuführen?

Bloß gut, daß sich manche Dinge scheinbar nie ändern. Die Reiter und Kanuten holten wieder die fest eingeplanten Medaillen. Zwar gingen auch hier nicht alle Träume in Erfüllung, aber das Gesamtergebnis stimmt. Und wahrscheinlich wurde gleichzeitig eine neue Ära eingeleitet. Der Name „Fischer“ findet auch diesmal wieder Eintrag in die Annalen der Kanuten. Nach Birgit Fischer, der erfolgreichsten deutschen Olympiateilnehmerin aller Zeiten, macht es jetzt Fanny Fischer ihrer Tante nach und holt sich ihre erste Goldmedaille ab.

Die Ballsportarten scheiterten frühzeitig, aber eine Mannschaft kommt immer durch. Diesmal waren es die eben Hockeyherren, die Gold holten. Hinzu kommt (wieder mal) Bronze für die Fußballfrauen und Silber für das Tischtennis-Team um Timo Boll.

In manchen Sportarten verlor Deutschland leider den Anschluß an die Weltspitze, wie die Leistungen der Leichtathleten, Boxer oder Ringer verdeutlichten. Die Leichtathleten brachten es sogar fertig, das schlechtes Ergebnis seit 104 (!) Jahren abzuliefern!

Ansonsten überwogen aber aus deutscher Sicht die Überraschungen. Der stärkste Mann der Welt heißt Matthias Steiner und ist eigentlich Österreicher. Weil er sich aber mit dem dortigen Verband überworfen hatte, zog er erst die Konsequenzen und dann nach Deutschland und hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Sein Jubel über Gold gehörte zu den emotionalsten Momenten dieser Spiele, auch weil der Zuschauer Anteil an seinem persönlichen Schicksalsschlag nahm, das immer wieder in den Reportagen erwähnt wurde. Danke Österreich für diese Medaille!

Jan Frodeno hat bis vor Olympia nie etwas gewonnen, jetzt darf sich der Triathlet plötzlich Olympiasieger nennen. Genau wie die vielen anderen deutschen Sieger und Platzierten aus den Randsportarten, die meist nur Insidern bekannt waren und ganz sicher in spätestens 14 Tagen wieder aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwinden werden. Im Gedächtnis bleiben dann wieder nur die üblichen Verdächtigen, die ihren Marktwert durch lukrative Werbeverträge noch weiter steigern werden. Die Olympiasiegerin im Modernen Fünfkampf, Lena Schöneborn aus Berlin, kann da wahrscheinlich nur mithalten, wenn sie für viel Geld die Hüllen fallen läßt. So ungerecht kann Olympia auch sein.

Viele 4. Plätze für deutsche Athleten runden das Gesamtergebnis für Deutschland ab. Das klingt im Moment zwar nach einer Niederlage, aber positiv (im doppeldeutigen Sinne) betrachtet ist man damit der erste Nachrücker für den Fall, daß besser platzierte Medaillengewinner nachträglich des Dopings überführt werden. Die Erfahrungen der jüngeren Geschichte lassen darauf schließen, daß es auch diesmal wieder so kommt!

Was bleibt sonst noch in Erinnerung von Peking 2008? Ein 100m-Sprintfinale der Männer, daß schon jetzt eine Legende ist, aber eigentlich eine Zirkusvorstellung war. Kopfschüttelnd und sprachlos waren alle, die dieses Rennen live im Stadion oder vor dem Fernseher verfolgt haben. Schon nach 70 Metern stellte der Sieger Usain Bolt aus Jamaika die Arbeit ein und trudelte locker in neuer Weltrekordzeit ins Ziel. Gefühlte 5 Minuten später kamen die anderen Läufer ins Ziel, so groß war am Ende der Vorsprung.

Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa aus Russland, bisher immer ein wenig kühl und unnahbar wirkend, hat eine neue Motivation gefunden und springt nicht mehr nur wegen des Geldes, sondern um den Zuschauern Sport vom Feinsten zu bieten. Ihren Weltrekord von 5,05 m hat sie sich nach zwei deutlichen Fehlversuchen über diese Höhe regelrecht erzwungen. Die Belohnung waren für den Zuschauer anschließend die schönsten Tränen bei einer Siegerehrung.

Und noch eine kleine Randepisode. Während sich die Armeen ihrer beiden Nationen kriegerisch gegenüberstanden, umarmten sich die georgische Sportschützin Nino Salukwadse und ihre russische Konkurrentin Natalja Paderina demonstrativ während der Siegerehrung und schrieben ihren Politikern symbolisch eine Lektion in Sachen Völkerverständigung und gegenseitige Toleranz ins Stammbuch.

Bei der Eröffnungsfeier wurde zwar ein wenig geschummelt, es fiel aber keinem auf, bis ein paar Tage später die Auflösung kam. Auch sonst waren die Spiele ein wenig zu perfekt organisiert. Gigantische Menschenmassen und Inszenierungen prägten das Bild der offiziellen Zeremonien zu Beginn und am Ende der Spiele. IOC-Präsident Jacques Rogge würdigte die Spiele als „außergewöhnliche Spiele“. Zu einem Satz wie „die besten Spiele aller Zeiten“ reichte es auch diesmal wieder nicht für die Ausrichter. Zuviele Unstimmigkeiten im Vorfeld der Spiele, leere Zuschauerränge und eine Pressezensur sorgten für Verstimmung. Die Athleten und Betreuer fühlten sich zwar wohl in Peking, aber es erinnerte alles an einen ungeliebten Pflichtbesuch bei Bekannten: man wird während des Besuches gut behandelt, aber man möchte auch so schnell nicht wiederkommen müssen…

Wir sagen also artig „Danke, Peking 2008!“, freuen uns noch ein paar Tage über die gezeigten Leistungen und richten dann unseren Blick nach London 2012. Denn bekanntlich ist nach den Spielen vor den Spielen.

Artikel veröffentlicht

25.08.2008 American Rebel Titel